Interview mit tip Berlin


 

Ein Interview mit Gordon Kämmerer  

Zur Zeit ist er in "Dessau Dancers" als DDR-Breakdancer zu sehen, vor allem aber arbeitet er zurzeit als Theaterregisseur in Leipzig.


tip Gordon, in "Dessau Dancers" sind Sie mindestens genauso Tänzer wie Schauspieler. Wie sind Sie damit zurechtgekommen?
Gordon Kämmerer Früher habe ich schon mal Breakdance gemacht, für den Film aber wieder angefangen. Wir haben uns ein Dreivierteljahr darauf vorbereitet, uns mit Storm (Niels "Storm" Robitzky, deutscher Choreograf und Tänzer – Anm. d. Red.) in Kreuzberg getroffen und trainiert. Zuerst einmal pro Woche, gegen Ende sogar mehrmals.

tip Zum Breakdance kam noch eine Zeitreise hinzu – in die DDR der 80er-Jahre.
Gordon Kämmerer Meine Eltern kommen aus der DDR, ich bin auch dort geboren, in Eisenach. Von daher war mir das nicht völlig fremd, da kann man schon abstrahieren. Und "Beat Street" kannte ich natürlich, noch von meiner eigenen Breakdance-Zeit. Das war auch für uns ein Film, den man definitiv gesehen haben musste. Aber "Beat Street" als DDR-Erfolg – das war ja nur möglich, weil Harry Belafonte den produziert hatte, und der lief dann auch gleich drei Jahre in den Kinos. Ansonsten hat natürlich das Setting sehr geholfen, die Räume, die Häuser.

tip Während des Castings zu "Dessau Dancers" waren Sie noch Student an der Schauspielschule?
Gordon Kämmerer Nein, da habe ich schon Theaterregie an der Ernst Busch in Berlin studiert. An der HMT Leipzig war ich bis 2012.

tip Ist das üblich, dass man als Regiestudent auch noch zu Castings geht?
Gordon Kämmerer Ich möchte ja eigentlich beides. Und bis jetzt läuft es parallel sehr gut. Ich entscheide selbst, was ich machen möchte, und verwalte das, bin sozusagen mein eigener Chef. Gerade habe ich meine erste eigene Regiearbeit in Leipzig fertiggestellt: "Das Tierreich". Das war toll und ich bin auch schon mit zwei weiteren Projekten in Leipzig für die nächste Spielzeit beschäftigt.

tip Welchen Effekt hat der Schauspielerblick auf Ihre Arbeit als Regisseur und umgekehrt? Gibt es überhaupt einen?
Gordon Kämmerer Ja, den gibt es. Mir hilft er. Ich kann eine direkte Sprache zum Schauspieler finden, kann besser einschätzen, was möglich ist und was nicht. Ich kenne die Grenzen und kann jemanden schon pushen, weiß aber auch, wann es gut ist, aufzuhören. Ich kenne eben beide Seiten und es dient meinem Verständnis. Für meine Arbeit als Regisseur ist das hilfreich. Als Schauspieler muss ich einiges allerdings auch wieder vergessen können und meinem Regisseur vertrauen. Es ist nicht mein Projekt und somit auch nicht meine Verantwortung.

tip Wie sind Sie zur Schauspielerei gekommen?
Gordon Kämmerer Ich bin im Grunde im Theater aufgewachsen. Meine Eltern sind beide Opernsänger und ich dachte, das würde ich auch werden. Schauspiel fand ich dann aber doch interessanter und ich habe angefangen, zu Vorsprechen zu gehen, das erste Mal mit 19, das hat aber nicht geklappt. Da war ich noch nicht so weit. Mit 19 habe ich mich auch schon an der Ernst Busch beworben, war aber zu jung.

tip Das Schauspielstudium hat Sie nicht so abgeschreckt, dass Sie danach unbedingt noch mal Regie studieren wollten?
Gordon Kämmerer Es gehörte zu diesem Studium, für ein paar Jahre an Theatern eingesetzt zu werden. Die Arbeit im Ensemble mochte ich nicht. Du spielst ununterbrochen, man wird schon sehr ausgebeutet, ich finde das sehr hart. Besonders, dass man immer zur Verfügung stehen muss. Wenn du die Stadt verlassen möchtest, musst du einen Antrag stellen, als wärst du eine Art Leibeigener! Beim Film ist das natürlich etwas anderes – als Schauspieler. Als Regisseur finde ich es hingegen am Theater spannender.

tip Warum?
Gordon Kämmerer Weil ich dort mehr Möglichkeiten habe, verschiedene Künste zusammenzuführen. Ich kann visuell arbeiten, fragmentarisch, mit Collagen. Es gibt andere Erzählstrukturen. Vielleicht kann ich das irgendwann auch auf den Film ausweiten. Gerade ist mir das Theater aber noch vertrauter.

tip Eine Entscheidung für nur eine dieser Tätigkeiten kommt nicht infrage?
Gordon Kämmerer Nein, das bin einfach nicht ich. Alles zusammen schafft ein Gleichgewicht. Das Schauspiel macht zum Beispiel, dass man so viel naiver an Dinge herangehen kann, anstatt sie totzudenken. Und als Regisseur geht es mir schon um meine künstlerische Selbstverwirklichung.

tip In "Dessau Dancers" geht es auch um die staatliche Verhinderung von Selbstausdruck. Haben Sie das in Bezug auf sich reflektiert?
Gordon Kämmerer Schon, aber es ist schwierig. Ich wäre damals sicher eine andere Person gewesen. Wenn ich mich aber auf den Gedanken einlasse, dann ist das natürlich eine furchtbare Vorstellung. Vielleicht wäre es bei mir sogar mit noch größeren Problemen verbunden als bei den Protagonisten im Film.

Interview: Carolin Weidner

Foto: Harry Schnitger